Kanzlei Dr. jur. Holtus | Rechtsanwalt

Verhaltensempfehlungen für Ärzte nach einem Behandlungszwischenfall

"Auch der geschickteste Arzt arbeitet nicht mit der Sicherheit einer Maschine".

Trotz aller Fähigkeit und Sorgfalt des Operateurs kann ein Griff, ein Schnitt, ein Stich misslingen, der regelmäßig auch dem betreffenden Arzt selbst gelingt", führte das Reichsgericht in der ihm eigenen Sprache bereits im 19. Jahrhundert aus. Der Arzt hat sich, obschon er eine gefahrgeneigte Tätigkeit verrichtet, für diese Fehler zu verantworten. Diese Verantwortung ist vielschichtig und kann folgende Bereiche umfassen:

§ zivilrechtliche Forderungen (Schadensersatz und Schmerzensgeld)
§ strafrechtliche Verantwortung (Körperverletzungs- und Tötungsdelikte)
§ arbeitsrechtliche Konsequenzen (Abmahnung oder Kündigung)

Seltener hat sich der Arzt auch disziplinar- oder berufsrechtlich zu verantworten, in Ausnahmefällen zudem in Approbations- und Zulassungsverfahren.

Ganz erheblichen Einfluss auf die Konsequenzen eines Behandlungszwischenfalles hat der Arzt selbst. Durch ungünstiges und unüberlegtes Verhalten kann ein Supergau produziert werden. Wer sich indessen taktisch geschickt und besonnen verhält, entscheidet stets zu seinen Gunsten und lässt zu diesen entscheiden.

Daher ist es wichtig, die folgenden sechs Hinweise zu verinnerlichen, deren Beachtung Karriere und Ruf nur zuträglich sein können:

§ Vermeiden Sie die "Abfertigung" von vermeintlich betroffenen Patienten oder Angehörigen.

Gehen Sie verständnisvoll mit ihnen um. Gelingt es Ihnen, Unmut zu vermeiden, sinkt das Risiko eines strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens wegen vorgeworfener Körperverletzung erheblich. Auch ist der Patient geneigt, mögliche zivilrechtliche Ansprüche weniger aggressiv zu verfolgen. Auf die Darstellung falscher und den Arzt belastender Tatsachen wird ggf. verzichtet.

§ Vermeiden Sie voreilige Stellungnahmen.

Von Stellungnahmen, die von Vorgesetzen oder der Krankenhausverwaltung erbeten werden, Gemeinschaftsprotokollen oder ähnlichen Niederschriften geht die allergrößte Gefahr aus. Nehmen Sie sich daher ausreichend Zeit und erarbeiten Sie die Stellungnahme am besten mit diesbezüglich versiertem juristischem Beistand. Lassen Sie sich keinesfalls unter Druck setzen.

§ Fertigen Sie Kopien aller verfügbaren Unterlagen.

Ist die Staatsanwaltschaft erst im Hause, kann das Kopieren von Krankenblättern, Röntgenbefunden und Pflegeberichten erhebliche Probleme bereiten. Zögern Sie daher nicht, diese Unterlagen unmittelbar zu kopieren, um ggf. frühzeitig Stellungnahmen ausarbeiten oder Privatsachverständige einschalten zu können.

§ Äußern Sie sich nicht gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft.

Schutzschriften sollen erst dann vorgelegt werden, wenn Ihr Rechtsanwalt Einblick in die Ermittlungsakte nehmen konnte. Als Beschuldigter haben Sie das Recht zu schweigen. Als Zeuge haben Sie das Recht, auf solche Fragen nicht zu äußern, mit deren Antwort Sie sich selbst belasten könnten.

§ Melden Sie Behandlungszwischenfälle unmittelbar Ihrer Haftpflichtversicherung.

Geben Sie auch hier ohne Rücksprache mit Ihrem Rechtsanwalt keine eigene Stellungnahme ab wenn ein Strafverfahren droht. Übersenden Sie jedoch Schreiben der Anspruchsteller. Ihr Versicherungsschutz ist ansonsten gefährdet. Teilen Sie der Versicherung mit, von welchem Rechtsanwalt Ihres Vertrauen Sie im Falle einer gerichtlichen Auseinandersetzung vertreten werden möchten.

§ Wählen Sie den richtigen Rechtsanwalt.

Ohne Blick auf berufsrechtliche Konsequenzen darf nicht verteidigt oder vertreten werden. Fragen Sie einen Rechtsanwalt im ersten Gespräch, welche konkreten Erfahrungen mit der Problematik hat und welche Taktik er empfiehlt. Möglicherweise sollten überörtlich tätige Spezialisten in Anspruch genommen werden. Nur erfolglose Anwälte werden ihnen Erfolg garantieren. Diesbezüglich geht es Juristen genauso wie Medizinern.

zurück zur Übersicht