Kanzlei Dr. jur. Holtus | Rechtsanwalt

Verpfuschte Haartransplantation

Haarausfall trifft Millionen von Menschen - viele unvorbereitet in jungem Alter. Häufig beginnt der androgenetische Haarausfall mit der Bildung von Geheimratsecken oder einer Tonsur und erreicht im fortgeschrittenen Stadium eine Glatze.

In meinem Fall unterzog sich der 25-jährige Holger P. (Name geändert) Ende der 1990er Jahre einer kosmetisch indizierten Haartransplantation. Der Eingriff wurde durch den Chefarzt einer renommierten deutschen Universitätsklinik durchgeführt. Aufgrund von Komplikationen wurden bei der OP sämtliche Nervenstränge und Blutgefäße des Oberkopfes des Patienten durchgetrennt. Dies hatte zur Folge, dass ein großer Teil der Kopfhaut des bis dato erfolgreichen Medienspezialisten vom sogenannten Zelltod (Nekrose) erfasst wurde.

Nach der schief gelaufenen Schönheitsoperation kam es bei Holger P. immer wieder zu lebensbedrohlichen Entzündungen. Er war außerdem vollkommen entstellt. Zur Wiederherstellung der Kopfform wurde Holger P. ein in den USA sonderangefertigter Hautexpander implantiert. Dieser musste mehrmals operativ aufgefüllt werden. Insgesamt erduldete Holger P. über einen Zeitraum von circa drei Jahren mehr als zehn operative Eingriffe zur Behebung der schweren Weichteildefekte.

Die private Krankenversicherung von Holger P. wollte zunächst für die Kosten der Nachbehandlung nicht aufkommen. Man war der Ansicht, der Geschädigte lasse sich aus persönlicher Unzufriedenheit mit seinem äußeren Erscheinungsbild seit Jahren auf Kosten der Solidargemeinschaft der Versicherten verschönern. Eine medizinische Indikation der Nachbehandlung wurde ohne weitere Prüfung verneint. Holger P. sah sich aus diesem Grund gezwungen, die verauslagten Nachbehandlungskosten in Höhe von mehr als 60.000 Euro gerichtlich einzuklagen.

Die Versicherung hätte zu Recht eine Kostenerstattung abgelehnt, wenn es sich lediglich um kosmetische Eingriffe gehandelt hätte. Dies war aber nachweislich nicht der Fall. Der dramatische Zustand des Klägers ließ sich bereits anhand von Fotos verdeutlichen. Angesichts der Höhe der Erstattungsforderungen hatte die Versicherung jedoch geblockt. Hätte sich der zuständige Sachbearbeiter einen persönlichen Eindruck vom Gesundheitszustand des Klägers verschafft, wäre ein Rechtsstreit nie entbrannt.

Das Landgericht Bonn, Az.: 9 O 146/02, hat die Klage von Holger P. zunächst abgewiesen. Eine medizinisch notwendige Heilbehandlung sah der Vorsitzende nicht belegt. Zu Unrecht, wie später das Oberlandesgericht Köln urteilte. Das Landgericht hätte die vom Kläger benannten Sachverständigen bereits in der 1. Instanz hören müssen. Diese kamen nämlich zu dem unmissverständlichen Ergebnis, dass die Nachbehandlung einem vitalen Interesse des Klägers gedient habe. An kosmetische Schadensbegrenzung wäre beim Kläger lange Zeit nicht zu denken gewesen.

Eine juristische Schlappe musste der Kläger dennoch hinnehmen: Die Kosten für die Wiederherstellungsbehandlung in Brasilien wurden ihm nicht ersetzt. Der Kläger konnte mit dem Argument nicht punkten, dass die Behandlung in Brasilien einschließlich der Reisekosten insgesamt kostengünstiger gewesen sei als in Deutschland. Ebenso wenig hat das Oberlandesgericht den Vortrag des Klägers berücksichtigt, er habe in Deutschland zunächst keinen Arzt gefunden, der bereit gewesen sei, die entstandenen Kopfhautdefekte erneut zu operieren. Nach den allgemeinen Versicherungsbedingungen der beklagten Krankenversicherung war die Kostenübernahme für eine Behandlung im EU-Ausland zwingend ausgeschlossen.

Hintergrund

Die Anzahl der Schönheitsoperationen steigt. Jedes Jahr werden ca. 300.000 Schönheitsoperationen in Deutschland vorgenommen - Tendenz stark steigend. Dabei wird jede fünfte Schönheitsoperation bereits an Männern vorgenommen. Die häufigste Schönheitsoperation ist das Fettabsaugen, gefolgt von Brustoperationen und Nasenkorrekturen. Wie der oben dargestellte Fall verdeutlicht, sollte man Nutzen und Risiken einer OP sorgfältig abwägen. (Bals in Ausgabe 22/2007 mkv Apotheken-Kombi)

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